Türkei als Zuflucht - Deutsche Emigranten in der Türkei

Prof. Dr. Paul Hindemith, Musiker und Komponist Bild vergrößern Prof. Dr. Paul Hindemith, Musiker und Komponist (© Verein Aktives Museum )

“Haymatloz” stand in großen Lettern in den Pässen der jüdischen Flüchtlinge, die während des zweiten Weltkrieges Zuflucht in der Türkei suchten. Mehr als 1000 Deutsche emigrierten zwischen 1933 und 1945 an den Bosporus – und hinterließen Spuren, die bis heute sichtbar sind. Ein Stück deutsch-türkischer Geschichte, das wenigen bekannt ist. Der Begriff “Haymatloz” ging als Lehnwort in die türkische Sprache ein.

Ernst Reuter muss für viele Türken einen merkwürdigen Anblick geboten haben, wenn er in den 30er Jahren früh morgens mit dem Rad durch Ankara fuhr. Die Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen und Knickerbocker an den Beinen, machte er sich auf den Weg zu seinen Vorlesungen, den Gemüsehändlern und Sesamkringelverkäufern zuwinkend.

Kommunalpolitik und Städtebau lehrte der Deutsche an der Hochschule für Politik in Ankara, mehr als zwölf Jahre verbrachte er im türkischen Exil.

Ernst Reuter, später erster Regierender Bürgermeister Westberlins, war einer der bekanntesten deutschen Emigranten in der Türkei. Dem Sozialdemokraten war nach seiner Entlassung als Magdeburger Oberbürger-meister und zweimaliger Haft im Konzentrationslager Lichtenburg 1935 nur die Flucht geblieben. Die türkische Regierung bemühte sich besonders intensiv um die gebildeten Emigranten und erhoffte sich wichtige Impulse beim Aufbau der jungen Republik. Etwa 800 Wissenschafter, Künstler und  Politiker kamen auf Einladung Atatürks. Alfred Heilbronn und Curt Kosswig gründeten das Botanische Institut in İstanbul und den ersten Nationalpark der Türkei. Paul Hindemith reformierte die türkischen Musikinstitutionen grundlegend. Der Rechtswissenschaftler Ernst E. Hirsch baute die juristische Fakultät der Universität İstanbul mit auf und war an der Abfassung des türkischen Handelsgesetzbuches beteiligt. Fritz Neumark arbeitete das Gesetz zur Einführung der Einkommenssteuer in der Türkei aus. Das Parlament von Ankara hat der Berliner Architekt Bruno Taut entworfen, die Literaturfakultät wurden nach den Plänen Clemens Holzmeisters gebaut.

„Ich wusste, dass die schmachvolle Vertreibung aus Deutschland in diesen Stunden einen schöpferischen Sinn erhielt. Ich entdeckte ein wunderbares, von der westlichen Pest unberührtes Land“, erzählt der deutsche Pathologe Philip Schwartz, der 1933 von der türkischen Regierung an die İstanbuler Hochschule berufen worden war. Zu diesem Zeitpunkt nahmen die ersten Wissensc haftler an der „İstanbul Üniversitesi” ihre Arbeit auf und machten sie zur größten Emigranten-Universität der Kriegszeit. Die türkische Regierung übernahm die Umzugskosten und bot eine Festanstellung für fünf Jahren.

Mit weitaus weniger komfortablen Bedingungen sahen sich die Flüchtlinge konfrontiert, die nicht zur wissenschaftlichen Elite gehörten: Handwerker, Gewerbetreibende aber auch Ärzte und Lehrer. Mehr als Tausend Emigranten aus allen Schichten suchten in Atatürks Republik eine neue Heimat. Auf Schwierigkeiten stieß die Nicht-Prominenz vor allem, wenn es darum ging, eine Arbeitserlauubnis zu erhalten. Geldknappheit und die fremde Umgebung erschwerten das neue Leben. Was jedoch alle Deutschen verband, unabhängig von Herkunft und Bildung, war die Erleichterung darüber, einen Zufluchtsort gefunden zu haben: „Das Geld, das ich bekomme ist immer im Nu hin, und Erspartes ist nicht mehr vorhanden. Aber jedenfalls sind wir keinen Bomben ausgesetzt, und dafür sind der Regierurg von Härzen dankbar”, berichtete der Flüchtling Georg Rohde 11944. Die Berlinerin Martha Bodlaender sah dies ähnlich: „Man war froh, dass man aus Deutschland hergekommen war. Wir betrachteten die Türkei als großes Abenteuer”. Die meisten der Wissenschaftler kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück – vergessen haben sie den Beistand der Türkei während dieses dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte nie. Die Deutsche Schule in Ankara heißt heute Ernst-Reuter-Schule.

Eduard Zuckmayer Eduard Zuckmayer (© Verein Aktives Museum )